Rabbitism

“Jede Person oder Sache, deren Handeln, Erscheinen, Verhalten und Instinkte
nach ihrer Art und Form durch und durch und völlig unzweideutig hasenhaft sind.”

“Any person or thing whose actions, appearance, behaviors and instincts
are quintessentially and unequivocally rabbit-like in nature and form.”

 

 


    Performancevideo:


 

… das Ziel im Rücken, rückversichernd, vorausschauend nachschauend, auf Gegenverkehr, Weggabelungen, Straßennamen und auf die Unversehrtheit seiner Last achtend, bemüht sich ein Mensch, andeutungsweise versteckt hinter einer schnell geschnittenen weißen Hasenmaske, eine überdimensionale Möhre in seinen Bau zu bekommen. Von Anfang an entspinnt sich ein kurioses Wechselspiel von Hasenmensch und Möhrensack: der rückwärts laufende Hase, minimalistisch inszenierte Kurzgeschichte über, ja über was eigentlich?

 

Wer Roland Maurmair kennt, weiß, dass es ihm oft genug darum geht, Sprachbilder und Bildsprachen zu zerlegen, die Metaphorik mit ihrer Unmöglichkeit zu konfrontieren, haltbare Aussagen oder Zeichensprachen zu entwickeln. Er zeigt jene immer wieder genutzte und darum nicht klüger werdende Haltlosigkeit der Sprache auf, unterläuft sie mit Bildern, mit zeichnerischen Kleinodien und beweist damit die Aussagenstärke des Bildes, das nicht mit der Attitüde der Scheinschwangerschaft kommender Wichtigkeit daherkommt. Es ist die Friedfertigkeit der Person Roland Maurmair, die die Kraft gibt, eben nicht draufzuhauen, sondern draufzuschauen. Er zerlegt die Unbedachtheit des Alltags und institutionellen Hochmutes in bedenkenswerte Details, leistet im Kleinen einen radikalen Umbau des sehenden Denkens. Irgendwann hieß es chaostheoretisch, dass ein leichter Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonasgebiet durch positive Verstärkungen zum Wirbelsturm über dem Nordatlantik führen könnte. Nun, erlebt haben wir es noch nicht, aber denkbar ist es, dass Roland Maurmair solche leichten Flügelschläge in Tirol oder Wien erzeugt. Wem dann die Maske wegfliegt, weiß ich nicht.

 

Ach ja, die Maske, der Mensch, die Möhre und Wien. Der Mensch, maskiert als Hase und mit einer Last versehen, die ihm Mühe bereitet, verlässt das Feld- und Waldareal, durchstreift in einer gezielten Annäherung die vorstädtischen Regionen, Ecken, Engpässe, vermeidet Zusammenstöße mit Automasken des Menschen, und überlebt. Er schleppt sich und seine Aufgabe vom Land in die Stadt, von der Wiese auf das Kopfsteinpflaster, vom namenlosen Gelände zur namentlichen Adresse: 10. Bezirk, Hasengasse. Das Register aus Zahl, Topologie und Namen wirkt dümmlich, lächerlich gegenüber der namenlosen Herkunft. Tierische Freude kommt auch nicht auf. Der Menschhase, voll seinem unheimlichen Auftrag gewidmet, weiß, wohin er muss, denn das Wort, das Versprechen der Adresse ist zwingend. Wo Hasengasse draufsteht, dort lass dich, Hase, nieder. Der Mensch versteht sich auf falsche Etiketten, auf etikettierte Fälschung. Und hier arbeitet das Erzählspiel mit Zeilensprüngen. Weder Mensch noch Hasenmaske, der merkwürdige Sack und eine Möhre, die karge Straße und der Straßenname passen so richtig zusammen.

 

Man wartet auf die Rückkehr aus dem Hauseingang, auf den Rücken, hinter dem der Möhrensack wieder aus der Namensfalle herausgezogen wird. Nichts geschieht. Nach Sekunden merkt man, dass es diesem Kleinod gelungen ist, dass ich als Betrachter dem Weg des Hasen nachsinne, den Wegen des Menschen nachsinne, der mit so viel vermeintlich täuschenden Ähnlichkeiten sich blind tapeziert, wo es weder die Ähnlichkeiten noch die Täuschungen wirklich gibt. Denn wir produzieren Unpassendes. Und Roland Maurmair ist der Entzauberer, der ohne Las Vegas-Show dem Denken wieder Spielräume gibt. Was wir daraus machen, ist unsere Sache … nur schmunzeln sollte man dabei, über sich, über andere, auch Lachen über so viele Lebensdetails, die wir schöngeredet, d.h. symbolisch verklärt haben. Es ist diese leise Selbstironie, die durch seine Arbeiten entsteht, ohne Zeigefinger, ohne Boshaftigkeit, sondern mit der Sensibilität und Klarheit und mit dem Mut, auch rückwärts vorwärts zu gehen, denn wir wissen nie, was kommt, aber sollten im Auge behalten, was wir mitnehmen.

 

Text by Manfred Faßler

 


With his goal at his rear, reassuring himself, looking ahead by looking back, cautiously paying attention to the oncoming traffic, intersections, street names, and holding onto his load, a man, in part hidden behind a quickly cut white rabbit mask, tries to get an oversized carrot into his burrow. From the very beginning, a strange interplay develops between the rabbit man and the carrot sack: the rabbit moving backward, a minimalistically staged short story about —well, what exactly? Those familiar with Roland Maurmair know that his work is quite often about dissecting metaphors and visual languages, confronting metaphorics with its impossibility, developing tenable statements or symbolic languages. He shows the oft- used instability of language, which becomes none the cleverer with repetition, and subverts it with language, with drawn miniature gems or thus shows the power of the image that does not pretend any future importance. It is Roland Maurmair’s reticence as a person that gives him the power not to loudly pronounce his message, but to look up toward it. He dissects the carelessness of everyday life and institutional arrogance in striking details, achieving a radical reconstruction of visual thought in miniature. At some point, chaos theory claimed that the slightest motion of a butterfly wing in the Amazon could trigger a hurricane over the North Atlantic through positive amplification. Now, although we haven’t experienced it yet, it’s conceivable that Roland Maurmair could generate such light flaps of the wing in Tyrol or Vienna. But I don’t know whose mask will be blown off by it.

 

Ah yes, the mask, man, carrots, and Vienna. Man, masked as a rabbit and given a heavy burden, leaves field and forest, with a goal in mind walks through the suburban regions, corners, narrow passages, avoids collisions with the car-masks of the individuals, and somehow survives. He drags himself and his burden from the countryside to the city, from the field to the cobblestones, from nameless terrain to a named address: Vienna, 10th District, Hasengasse, or “Rabbit Lane.” The register of number, topology, and name seems stupid, laughable vis-à -vis the nameless place of origin. Animalistic joy does not come to pass. The man-rabbit is fully dedicated to his uncanny task, and knows where he must go, for the word, the promise of the address is compelling. If the place is called “rabbit lane,” then this is where the rabbit must settle. Man understands false labels, labeled falsification. The narrative game works by skipping lines. Neither person nor rabbit mask, the strange sack and a carrot, the bare street and the street name really fit together.

 

We await the return from the house entrance, on its back, behind which the sack of carrots is again pulled from the trap of the name. But nothing happens. After a few seconds, it is noticed that this gem has succeeded in making me think as beholder about the path of the rabbit, the paths of man who with so many supposed deceiving similarities wallpapers himself blind, where there are neither similarities nor deceptions. For we produce the unfitting. And Roland Maurmair is the disenchanter, who without any Las Vegas show again gives thinking room to maneuver. What we make of that is our own matter… At any event, one should grin while doing so, about oneself, about others, laugh about so details of life that we have talked up, that is, symbolically romanticized. It is this quiet self-irony that emerges through his works, without an index finger, without ill will, but with sensitivity, and clarity, and with the courage to also move backwards, for we never know what’s coming, but should keep an eye on what we take with us.